Post Type

Fulvio Pelli und Filippo Lombardi prägten lange Jahre die Schweizer Politik, jetzt geben sie ein Comeback im krisengeplagten Lugano. Ein Gespräch über Erfahrung, die Leiden des Tessins und die Angriffe auf Bundesrat Cassis.

Kathrin Alder, Marc Tribelhorn, Text; Goran Basic, Bilder

Pünktlich auf die Minute steht Fulvio Pelli auf der Piazza della Riforma, gleich neben der Seepromenade Luganos, mit Blick auf die Zuckerhutflanken des Monte Brè und des San Salvatore. 70-jährig ist er inzwischen, der Grandseigneur des Tessiner Freisinns, dessen Eleganz in Sachen Kleidung in Bundesbern noch immer unerreicht ist. Bis 2014 politisierte Pelli auf der grossen Bühne, als Nationalrat, Fraktionschef und Parteipräsident der FDP. Nun bohrt er wieder die harten Bretter der Lokalpolitik. In Lugano, seiner Heimat, sitzt er seit kurzem im Stadtparlament. Sein Vater Ferruccio war hier einst Bürgermeister, sogar eine Strasse ist nach ihm benannt – an der Fulvio Pellis Anwaltskanzlei liegt. Das Tessin ist nicht nur die Sonnenstube der Schweiz, das Paradies der Reichen und Rentner. Es ist auch das Land der starken Männer und der Polit-Dynastien.

Der kühle Intellektuelle und der volksnahe Lebemann: Fulvio Pelli und Filippo Lombardi.

Der kühle Intellektuelle und der volksnahe Lebemann: Fulvio Pelli und Filippo Lombardi.

Goran Basic

«Ist Lombardi noch nicht hier?», fragt Pelli und schaut auf die Uhr. Es ist eine rhetorische Frage, denn Pelli weiss, dass Filippo Lombardi immer zu spät kommt. Seit Jahrzehnten kennen sich die beiden, die unterschiedlicher nicht sein könnten: Pelli, der kühle Intellektuelle, und Lombardi, der volksnahe Lebemann, Sohn des Chefingenieurs des Gotthard-Strassentunnels, auch er ein Schwergewicht der Tessiner Politik: Zwanzig Jahre lang vertrat der Medienunternehmer den Kanton als Ständerat, war CVP-Fraktionschef, bis 2019 der jähe Absturz kam, die Nichtwiederwahl wegen 45 Stimmen. Doch auch der 64-Jährige ist zurück im politischen Geschäft: Er zog vor wenigen Wochen in die Stadtregierung Luganos ein.

Schliesslich kommt auch Lombardi in die Bar Olimpia, wo wir inzwischen sitzen. «Buongiorno», dröhnt er mit seiner Bassstimme.

Pelli: Ciao, Filippo, ciao!

Lombardi: Oh, mein Kollege trägt Krawatte. Für die Fotos brauche ich auch eine!

Pelli: Das habe ich extra gemacht, um dich in Schwierigkeiten zu bringen. Im Ernst, die Journalisten erwarten, dass ich eine Krawatte trage. Obwohl ja seit Ausbruch der Pandemie leider niemand mehr Krawatte tragen will.

Sie beide standen lange im nationalen Scheinwerferlicht, nun sind Sie in die Lokalpolitik eingestiegen. Waren die Entzugserscheinungen so gross?

Lombardi: Ich liebe die Politik, sie bestimmt seit Jahrzehnten mein Leben. Aber ich verspüre keinen Zwang. Es gab auch Zeiten ohne Politik, etwa als ich Chefredaktor des «Giornale del Popolo» war. Nun wurde ich von meiner Partei als Kandidat angefragt und habe nicht lange gezögert. Ein Exekutivamt hatte ich noch nie.

Taugt der politische Nachwuchs im Tessin so wenig, dass zwei altgediente Herren übernehmen mussten?

Pelli: Überhaupt nicht, aber der Nachwuchs ist unerfahren. Die Leute glauben immer, sie würden gewählt und seien sofort fähig, ihr Amt auszuüben. Aber so ist es nicht. Politik ist ein Beruf, den man lernen muss. Es ist die Fähigkeit, Leute zusammenspielen zu lassen. Dafür braucht es Erfahrung.

Bei Ihrem Abgang aus Bundesbern wollten Sie den Jungen Platz machen.

Pelli: Keine Sorge, die Freisinnigen, die ins Parlament von Lugano gewählt wurden, sind gut durchmischt. Es hat viele Jüngere darunter, insbesondere Frauen, ich bin der einzige Alte.

Lombardi: Erneuerung ist wichtig in der Politik. Aber Erfahrung genauso. Es ist wie im Sport. Sie müssen den Nachwuchs fördern. Doch um erfolgreich zu sein, braucht es Routiniers, die das Team zusammenhalten.

Pelli: Ich habe sieben Jahre überhaupt keine Politik gemacht, hatte mehr Zeit für Ferien und die Enkel. Nun bin ich wieder da. Weil ich sehe, dass die Stadt Lugano dringend Hilfe braucht.

Tatsächlich steht es schlecht um Lugano. Die mit rund 62 000 Einwohnern grösste Stadt des Tessins hat Sorgen; der Wirtschaftsmotor der Südschweiz ist ins Stottern geraten. Der Grund liegt vor allem im Geld. Oder präziser: im fehlenden Geld.

Lange Zeit liess es sich in Lugano in Saus und Braus leben, politisieren und geschäften. Die Banken, die hier seit dem Zweiten Weltkrieg prächtig gediehen, machten es möglich – trotz vielen Skandalen. Reiche Italiener brachten Millionen über die Grenze, oft nicht deklarierte Gelder, die sie aus Angst vor Instabilität und Steuerfahndern im Tessin bunkerten. Der Finanzsektor schuf Wohlstand und Arbeitsplätze, brachte viel Kundschaft in die Boutiquen an der Via Nassa, der Paradestrasse Luganos. Ein Selbstläufer – wie die Sonne und die Landschaft für den Tessiner Tourismus.

Tempi passati. Seit der Finanzkrise 2008, dem Ende des Bankgeheimnisses und mehreren Steueramnestien in Italien ist die Party in Lugano vorbei. Die Steuererträge sind dramatisch geschrumpft: Früher lieferten die Bankinstitute jährlich 55 Millionen Franken in die Stadtkasse, heute sind es noch 12 Millionen. Im gleichen Zeitraum wuchs die Stadt durch Eingemeindungen rasant. Die Verschuldung ist so hoch, dass der Finanzvorstand vor wenigen Jahren vor einem drohenden Bankrott warnte. Sparübungen und Steuererhöhungen sind die Konsequenz. Die Leute ziehen weg, seit der Eröffnung des Ceneri-Tunnels sogar nach Bellinzona, dem wenig glamourösen Kantonshauptort. Trotzdem wird munter weiter verdichtet und betoniert. Der Stararchitekt Mario Botta nannte Lugano eine «luxuriöse Vitrine», die aber baulich betrachtet «ein legalisiertes Desaster» sei.

Und dies alles in der einzigen grossen Stadt der Schweiz, die nicht von Linken regiert wird. Seit ewigen Zeiten bestimmen die Bürgerlichen die Luganeser Politik. Der amtierende Stadtpräsident Marco Borradori von der Lega ist einer der populärsten Politiker im Tessin, er verbindet Wirtschaftsfreiheit mit Volkstümlichkeit. Neben ihm in der Exekutive sitzen zwei weitere Legisten, zwei Freisinnige, eine Sozialdemokratin – und neu Filippo Lombardi.

«Alle wissen, dass wir kein Geld haben. Doch die Populisten der Lega versprechen das Blaue vom Himmel»: Pelli und Lombardi im Innenhof des Rathauses in Lugano.

«Alle wissen, dass wir kein Geld haben. Doch die Populisten der Lega versprechen das Blaue vom Himmel»: Pelli und Lombardi im Innenhof des Rathauses in Lugano.

Goran Basic

Die Lage in Lugano scheint so dramatisch, dass mit Herrn Lombardi sogar der Präsident des verfeindeten Hockeyklubs Ambri-Piotta gewählt wurde.

Pelli: Da muss ich Kollege Lombardi in Schutz nehmen. Es gibt im ganzen Tessin viele Ambri-Fans, selbst in Lugano

Lombardi: Ich behaupte sogar, dass es in Lugano mehr Ambri-Fans gibt als CVP-Wähler. Ich konnte also meine Wählerbasis gut erweitern (lacht). Aber ernsthaft: Wir haben viele Probleme in Lugano, von den Finanzen und dem Verkehrschaos bis zur Effizienz in der Verwaltung.

Fangen wir bei den Finanzen an.

Pelli: Natürlich hat der Finanzplatz Lugano lange vom Bankgeheimnis profitiert, von der Möglichkeit für reiche Ausländer, hier Schwarzgeld zu deponieren. Aber das ist nur ein Teil der Geschichte. Viele Italiener der jüngeren Generation haben ihr Vermögen auch abgezogen, weil sie es lieber in ihre eigenen Unternehmen investierten. Sie wollen auch «weisses» Geld nicht mehr einfach auf einem Konto liegen lassen. Unsere Banken müssen sich neu aufstellen.

Wegen der Ausfälle bei den Banken musste die Stadt die Steuern erhöhen.

Pelli: Das war nötig. Aber heute sind die Steuern deutlich zu hoch. Lugano hat deshalb an wirtschaftlicher Attraktivität eingebüsst. Und wir sind die einzige grössere Stadt der Schweiz, deren Bevölkerungszahl sinkt. Es gibt gleich ausserhalb Luganos kleine steuergünstige Gemeinden. In Sorengo, wo ich früher gewohnt habe, habe ich 20 Prozent weniger Steuern bezahlt. Das ist massiv.

Lombardi: Zu viele Berufstätige und Familien wandern ab. Ich hingegen bin zugezogen, sonst hätte ich gar nicht gewählt werden können. Mitten ins Stadtzentrum.

Pelli: Dort ist es sehr schön. Nur gegen die hohen Mieten muss man etwas tun!

Sie klingen ja wie ein Linker.

Pelli: Das hat nichts mit links zu tun. Es gibt zu viele Profiteure, die mit Gebäuden im Zentrum hohe Renditen erzielen. Die Mietzinse sinken bei uns generell. Der Markt muss nun aber auch im Stadtzentrum spielen, damit sich die Bürgerinnen und Bürger die Wohnlagen wieder leisten können. Die Durchmischung ist wichtig. Lugano muss aber auch sonst attraktiver werden.

Was fehlt?

Pelli: Es braucht mehr Lebensqualität, mehr Kultur, dafür weniger Baustellen, weniger Verkehr, weniger Lärm. Lugano muss eine richtige Stadt werden, so wie Zürich, wo ich lange gelebt habe. Es braucht eine andere Mentalität. Ich hoffe auch auf Kollege Lombardi.

Lombardi: Im Prinzip haben wir ein grosses Problem. Die Stadt ist im vergangenen Jahrzehnt durch die Eingemeindungen massiv gewachsen, war aber nicht in der Lage, dieses Wachstum zu verdauen. Es existiert nicht einmal ein gemeinsamer Richtplan! Wir haben immer noch 21 Zonenpläne von den ehemaligen 21 Gemeinden beziehungsweise Stadtvierteln. In zehn Jahren ist man keinen Schritt weitergekommen.

Das sind geradezu italienische Zustände.

Pelli: Sie sagen es! Die Stadtregierung hat auch nicht begriffen, dass sich durch die Eingemeindungen Beamte einsparen lassen. Das wäre ja gerade der Sinn von Fusionen, ein Effizienzgewinn. Stattdessen haben wir noch höhere Kosten und Schulden. Bei den historisch tiefen Zinsen mag die Verschuldung kein grosses Problem sein. Aber wenn sie ansteigen, wird die Stadt in grössten Schwierigkeiten sein.

Trotzdem wird weiter mit beiden Händen Geld ausgegeben. Das neue Kulturzentrum Lugano Arte e Cultura war ein grosser Wurf, aber auch sehr teuer. Nun sind mehrere hundert Millionen für ein neues Fussballstadion samt Gebäudekomplex projektiert.

Pelli: Es ist völlig überdimensioniert. Aber so ist das immer in Lugano: Es wird mit der grossen Kelle angerührt, statt kleinere solide Projekte in Angriff zu nehmen. Alle wissen, dass wir kein Geld haben. Doch die Populisten der Lega versprechen das Blaue vom Himmel.

Herr Lombardi, Sie stehen jetzt in der Verantwortung. Irritiert Sie nicht, dass eine bürgerlich regierte Stadt so viel Geld ausgibt, das sie gar nicht hat?

Lombardi: Ich bin unschuldig, ich wurde ja erst gewählt. Aber es ist leider so, dass die Stadtoberen in den letzten Jahren nicht besonders umsichtig mit den öffentlichen Geldern umgegangen sind.

Woran liegt es?

Lombardi: Die Effizienz der Verwaltung und der Regierung liess zu wünschen übrig. Aber es wird besser: Die Zuständigkeiten sind jetzt klar verteilt, aus ursprünglich achtzehn Departementen wurden sieben. Und ich glaube, dass wir die Stadtfinanzen heute besser im Griff haben. Populismus hin oder her.

Sie übernehmen das Verkehrsdepartement. Haben Sie eine Lösung für die monströsen Staus im Südtessin?

Lombardi: Ich kenne das Gejammer, der öV sei bei uns zu schlecht. Dabei haben wir grosse Fortschritte gemacht. Natürlich wird es nie so sein wie in Zürich oder Bern, aber heute ist der öV gut. Nur die Mentalität der Tessiner bleibt: Wir fahren mit dem Auto!

Pelli: Die Tessiner wollen losfahren, wann es ihnen passt. Das ist bequem, das ist Freiheit, auch wenn sie dann im Stau sitzen. Aber es gibt ein Umdenken. Vor allem die Jungen fahren mehr Velo.

Lombardi: Deshalb planen wir eine Velopiste von Lugano bis Melide. Heute ist diese Strecke nur etwas für Verrückte. Auch das S-Bahn-Netz im Grossraum Lugano wird verbessert. Das Projekt «Tram-Treno» befindet sich aber gerade in der Phase der fünften Landessprache: der Einsprache.

Die Einsprache ist ein gutes Stichwort. Das Tessin, das gegen aussen so geeint auftritt, ist durchzogen von Bruchlinien. Die Verteilkämpfe zwischen Tälern, Gemeinden und Regionen sind so gross wie anderswo, die Fehden zwischen den politischen Parteien und einflussreichen Familien vielleicht noch grösser. 350 000 Menschen leben im Südkanton, der mentalitätsmässig nirgends so richtig dazugehören will: nicht zur Romandie, nicht zur Deutschschweiz, schon gar nicht zu Italien. Der Exotenstatus führt aber auch dazu, dass sich viele Tessiner zu wenig ernst genommen fühlen, besonders von Bundesbern. Dazu passt, dass es nach dem Rücktritt von Flavio Cotti ganze 18 Jahre dauerte, bis 2017 mit Ignazio Cassis wieder ein Tessiner Bundesrat wurde. Allein gegen alle, aus dieser Erzählung hat vor allem die Lega viel politisches Kapital geschlagen, gerade in wirtschaftlich angespannten Zeiten.

Und die Zeichen bleiben widersprüchlich: Seit der Eröffnung des Gotthard-Basistunnels ist man in 1 Stunde und 53 Minuten von Zürich in Lugano, das verbessert die Anbindung. Handkehrum zieht es wohl noch mehr gut ausgebildete Tessinerinnen und Tessiner in den Norden, wo die Löhne höher sind. Und gleichzeitig ist der unrentable Flughafen Lugano-Agno nicht mehr in den Linienflugverkehr integriert, sondern wird nur noch von Privatjets angeflogen. Immerhin hatten die pandemiebedingten Reiserestriktionen zur Folge, dass der Südkanton von einheimischen Touristen überrannt wurde, nicht nur von Deutschschweizern, sondern auch von vielen Romands. Auf der anderen Seite wurde das Tessin wegen der Nähe zu Italien von der ersten Corona-Welle besonders hart getroffen.

Überhaupt Italien: Es ist Segen und Fluch zugleich. Der Financier Tito Tettamanti bezeichnete das Tessin einmal als «Gartenquartier Mailands», weil der Kanton wirtschaftlich so eng verflochten ist mit der Lombardei. Gleichzeitig birgt kein Thema im Tessin so viel Zunder wie die Zuwanderung, die Grenzgänger, die «Frontalieri».

«Das ist die Schwäche des Kantons Tessin. Die Leute sitzen hier auf kleinem Raum zusammen, streiten ständig und fühlen sich wichtig.»

«Das ist die Schwäche des Kantons Tessin. Die Leute sitzen hier auf kleinem Raum zusammen, streiten ständig und fühlen sich wichtig.»

Goran Basic

Das Tessin hat eine seltsame Beziehung zu den italienischen Nachbarn. Man braucht die Zehntausenden von Grenzgängern, damit der Wirtschaftsmotor läuft, gleichzeitig schimpft man über sie, weil sie die Löhne drückten und die Strassen verstopften.

Lombardi: So tickt das Tessin halt! Man gibt gerne den Grenzgängern die Schuld für hausgemachte Probleme.

Pelli: Das ist die Schwäche des Kantons Tessin. Die Leute sitzen hier auf kleinem Raum zusammen, streiten ständig und fühlen sich wichtig. Es fehlt die Offenheit. Es gibt im Tessin fast eine Verpflichtung, gegen alles Ausländische zu sein, sonst wird man nicht gewählt.

Lombardi: Ich glaube, meine Offenheit gegenüber Europa, meine Haltung zur Personenfreizügigkeit, hat mich am Ende die Wiederwahl als Ständerat gekostet. Ich habe hier keine deckungsgleichen Positionen mit der Mehrheit der Tessiner.

Seit Monaten steht mit Ignazio Cassis der Tessiner Bundesrat in der Kritik. Einige Medien sehen Cassis’ Zeit schon abgelaufen. Wie nimmt man das in der Südschweiz wahr?

Pelli: Es ist ein simples Politmanöver. Cassis ist Mitglied der FDP, und die Linken wollen unbedingt seinen Sitz. Deshalb versuchen sie, ihn seit der Wahl zu diskreditieren. Das geht nun weiter, bis Cassis im Amt bestätigt wird. Dann wird es sich beruhigen – und einen Monat später beginnt wieder alles von vorne.

Sie glauben, dass Cassis wiedergewählt wird?

Pelli: Die Alternativen sind alle schlechter. Wenn die Grünen einen Sitz haben wollen, von mir aus. Aber nur zulasten der SP. Die Schweiz ist mehrheitlich Mitte-rechts, nicht Mitte-links.

Lombardi: Ich glaube auch keine Sekunde daran, dass Cassis seinen Sitz verliert. Die Bundesversammlung wählt in aller Regel keine Bundesräte ab, schon gar nicht den einzigen Tessiner. Das würde man nicht wagen.

Pelli: Die Frage ist eher, was nach Cassis kommt.

Lombardi: Nach Cassis wird es wahrscheinlich wieder zwanzig Jahre lang keinen Tessiner Bundesrat mehr geben.

Wird das Tessin auf nationaler Ebene zu wenig respektiert?

Lombardi: Ständig zu jammern, bringt wenig. Das war Mode im Tessin, aber jetzt ist es vorbei. Ich habe in Bern übrigens fast alles bekommen, wofür ich mich als Ständerat eingesetzt habe.

Pelli: Es ist für uns Tessiner sicher schwierig, uns ausserhalb des Kantons Gehör zu verschaffen und Allianzen zu schmieden. Aber unser Problem ist nicht die Schweiz.

Es ist eine Ironie der Geschichte, dass ausgerechnet ein Aussenminister aus dem EU-kritischen Tessin unser Verhältnis zu Europa regeln muss.

Lombardi: Er hat das schwierigste und am wenigsten populäre Dossier.

Pelli: Das stimmt, und Cassis hat seine Aufgabe auch zu Ende gebracht. Doch dann hiess es sofort, er habe schlecht gearbeitet, das Rahmenabkommen mit der EU sei nicht gut. Dabei vertrat er nur das Mandat des Gesamtbundesrats.

Lombardi: Gewisse Fehler wurden unter seinem Vorgänger gemacht. In der Regel sind die Schweizer Unterhändler gut, sie waren es zumindest im ganzen bilateralen Verfahren. Beim Rahmenabkommen waren sie aber plötzlich schwach, ganz besonders im Punkt der Streitbeilegung, der Rolle des Europäischen Gerichtshofes. Das ist in der Schweiz ein Killerthema. Wer für «fremde Richter» weibelt, ist schnell politisch tot.

Pelli: Dabei ist das Rahmenabkommen enorm wichtig für die Schweiz, auch wenn viele jetzt meinen, es sei nicht nötig. Leider finden die Gegner immer wieder ein neues Haar in der Suppe, jetzt sind es der Lohnschutz und die Unionsbürgerrichtlinie. Und wenn diese beiden Punkte gelöst sind, kommt etwas anderes. Weil es den Gegnern primär um eines geht: die Abschottung gegenüber Europa.

Der zweite Cappuccino ist ausgetrunken. Fulvio Pelli muss los, zurück in die Kanzlei. Und auch Filippo Lombardi hat einen Termin, ein Treffen mit dem ungarischen Botschafter im Rathaus, gleich nebenan. Sein Gast wartet schon.